Montag, 27. Juli 2015

Das Turbokleid

Trudelt eine Hochzeitseinladung im Briefkasten ein, denken die meisten Menschen wohl zuerst "was ziehe ich nur an?!". Diese Frage stellt sich der nähenden Bevölkerung meist etwas anders, nämlich "was nähe ich mir denn schönes?!"

In meiner Familie steht eine Hochzeit an, also mache ich mir genau darüber Gedanken.

Ich krame ein wenig in meiner Schnittmusterkiste und schnell steht fest, es soll dieses hübsche Kleid aus den 1940er Jahren werden.


Schuhe und eine passende Tasche sind auch schnell in meinem Fundus gefunden, jetzt fehlt nur noch ein Stoff, der zu allem passt.

Nach einem ersten Besuch im Stoffladen komme ich mit einem türkis farbenen Polyesterstoff nach Hause, muss mir aber nach ein paar Tagen eingestehen, dass er weder vom Material, noch von der Farbe her das passende für mich ist.



Aber gut, dann vertagen wir die Stoffsuche noch etwas und kümmern uns zwischenzeitlich um das Schnittmuster. Ich denke die meisten, die mit alten Schnittmustern nähen, sehen es ähnlich: direkt mit den Schnitteilen zu arbeiten ist ein No-Go. Besser ist es, die Teile abzuzeichnen.

Das alte Papier ist stark verknittert, also bügel ich es zunächst vorsichtig zwischen Backpapier mit einem Bügeleisen ohne Dampffunktion, damit nicht aus Versehen Wasser austritt.


Die einzelnen Teile zeichne ich behutsam ab und kann nun mit dem Probeteil für das Oberteil beginnen. Dabei merke ich, dass ich die Teile etwas verlängern muss. An welcher Stelle, ist in der Beschreibung angegeben.



In der Zwischenzeit habe ich auch den perfekten Stoff gefunden, ein erbsgrünes Viskose Gewebe. Zum Glück hält mein Freund mich davon ab die Teile am Oberteil selbst zu besticken. Das wäre wahrscheinlich auf Grund von mangelnder Stickerfahrung in einer Katastrophe geendet. Auf dem Flohmarkt finde ich für teures Geld eine Kiste mit zauberhaften Stickbildern aus den 40er Jahren.

Diese schneide ich vorsichtig am Rand entlang aus.


Dann bestreiche ich sie mit Textilkleber.....

 

.....positioniere sie auf den Schnittteilen und nähe sie anschließend mit der Hand fest.


Was ich jetzt hier in 3 Sätzen schreibe, dauert in der Realität tatsächlich relativ lange. Und somit kommen wir auch zur Erklärung des Titels "Das Turbokleid".

Ich bin zwischenzeitlich eine Woche weg und merke während meines kleinen Ausfluges, dass mir noch ganze 2 Abende nach der Arbeit bleiben werden, wenn ich zurück komme, um das Kleid zu nähen. Das ist mir tatsächlich zuletzt beim Abiball passiert und endete damit, dass ich morgens noch schnell bei einer schwedischen Modekette ein Kleid gekauft habe. Aber gut, nun bin ich 10 Jahre Näherfahrung reicher und sollte das Zusammennähen doch an diesen 2 Abenden hinbekommen.

Diszipliniert geht es ans Werk und die erste Ernüchterung kommt bei den Schnallen für die Knöpfe am Oberteil. Die sehen nämlich echt bescheiden aus.



Kein Problem, so ein bisschen Zickzackstich auftrennen dauert ja auch gar nicht lange.

Die beiden Teile am Ausschnitt nähe ich also kurzerhand einfach zusammen und beim Betrachten des Oberteils kommen mir Zweifel, ob das ganz wirklich tragbar wird.


Die Blüten sind total asymmetrisch und außerdem hat das eine Teil eine häßliche Kante. Ich bin genervt, aber aufgeben kommt nicht in Frage. Ich nähe den Rockteil an.

Die erste Freude über die fast streberhafte Naht. Doof nur, dass an der Stelle ein Gürtel sitzen wird. Aber egal, ich halte mich an jedem Strohhalm fest.


Um 23.30h am Abend vor der Abreise hängt dann ein fertig genähtes Kleid an meiner Schneiderpuppe.
  


Ich bin froh und erleichtert,dass es rechtzeitig fertig ist, aber gleichzeitig auch sehr verunsichert, ob es wirklich so gut geworden ist. Ich habe keine andere Wahl, es wird so in den Koffer gepackt.

Am Tag der Hochzeit sind dann alle Zweifel wie weggeblasen. Im wahrsten Sinne des Wortes, es windet nämlich etwas.


Ich liebe die Farbe und angezogen fallen die kleinen Fehlerchen doch auch gar nicht mehr auf. Die Ärmel finde ich besonders schön, da waren mir die im Original nämlich zu unelegant. Ich bin außerdem sehr glücklich über die Entscheidung, den breiten Bund wegzulassen. Der hätte bei mir nur aufgetragen und mit dem Gürtel sieht es doch viel schicker aus.
  

Samstag, 18. Juli 2015

Die Palazzohose, die dann doch keine wurde

Der Stein des Anstoßes für dieses Projekt ist ein Stück Stoff, vermutlich einfach ein großes Tuch, das ich für einen schmalen Taler Anfang des Jahres bei einem Flohmarkt mitgenommen habe.



Mein erster Gedanke ist, einen einfachen Rock daraus zu machen. Beim Anhalten merke ich allerdings, dass so leider die hübschen Blüten im oberen Teil wegfallen würden. Außerdem kommt die Länge eigentlich ziemlich genau mit meiner Beinlänge hin, wieso also keine Hose daraus machen?

Recht schnell stoße ich auf folgendes Schnittmuster und bin hin und weg. Eine Palazzohose scheint genau das richtige für heiße Sommertage.




Bei genauerer Recherche finde ich Tragebildern von Damen im Internet, die genau diese Hose schon einmal genäht haben und komme zu dem Entschluss, dass mir die Hose live doch nicht so recht gefällt. Die hübschen Zeichnungen auf den alten Schnittmustern sind doch manchmal etwas anderes als die (heutige) Realität.

Also setze ich mich mal wieder an mein Lieblingshosenschnittmuster....



.... und schaue, wie ich es ändern kann, damit ich eine leichte Sommerhose daraus schneidern kann.

Da bei dem auffälligen Muster eine Seitennaht stören würde, setze ich Vorder- und Rückseite zusammen.



So kommt das Muster auch an den Seiten toll zur Geltung.



Anstelle einfacher Abnäher, setze ich an der einen Seite einen Reißverschluss ein und auf der anderen eine versteckte Seitentasche.

Den Bund lege ich etwas breiter als sonst an, da ich bei der ersten Anprobe zum einen merke, dass die Hose einen kleinen Ticken zu kurz wird. Zum anderen kommt so der Gürtel, den ich aus der oberen Borte, die ich weggeschnitten habe, fertige, besser zur Geltung.


Das Ergebnis ist eine schöne und leichte Sommerhose mit einem Hauch von Exotik.


Natürlich wird die Hose bei den Temperaturen auch sofort ausgeführt.